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  Revierbericht

Korsika
Der Berg ruft

Frankreichs Gebirge im Meer winkt Besuchern aus der Höhe. Korsika lockt Segler mit feinen Ankerplätzen am Fuße der Zweitausender

 
Nur echt mit Trutzburg: Eine alte genuesische Festung bildet die Landmarke für eine der bekanntesten Ankerbuchten, La Girolata
© S. Burkhardt
21 Seemeilen weit reicht La Revellata bei gutem Wetter, führt die Yacht sicher nach Calvi, das alle Yachties mit einer mächtigen Zitadelle begrüßt
© S. Burkhardt
Scandolas Felsen lassen große Yachten schrumpfen, Ajaccio lockt mit Marina
© S. Burkhardt
Kaum 30 Meter breit ist die Passage von Gargalu und drei Meter tief
© S. Burkhardt
 
 

Wir haben Glück. Es ist eine Überfahrt wie aus dem Bilderbuch. Die ganze Nacht lang haben uns sanfte 3 Beaufort unter sternenklarem Himmel durch die warme Sommerluft in südöstliche Richtung getragen. Oft genug findet man zwischen der Côte d’Azur und Korsika keinen Wind. Oder aber viel zu viel, wenn der Mistral zuschlägt. Kompromisse sind hier selten.
Am Horizont blinkt ein weißer Punkt: Das berühmte Feuer La Revellata bei Calvi winkt uns schon seit Stunden herbei und weist den Weg zum "Gebirge im Meer". Und wirklich: Als der Morgen graut, tauchen die ersten wilden Zacken der Zweitausender auf.
Jetzt stehen wir kurz vor der Küste. Wie versprochen hauchen uns die letzten Atemstöße der nächtlichen Landbrise unvermittelt jenes süßliche Parfüm entgegen, das Napoleon zur Behauptung verleitete, er könne seine Geburtsinsel Korsika allein am Duft erkennen. Dazu zerschneiden die Flossen einer Delfingruppe in einiger Distanz die Oberfläche des trägen Meeres.
Am Fuße der stolzen Zitadelle von Calvi gönnen wir uns einen kräftigen Café und Croissants. Die Einwohner sagen, der Genuese Christoph Kolumbus sei hier geboren. Das ist nicht unmöglich, schließlich diente Calvi dem einst so mächtigen Genua lange Zeit als strategischer Brückenkopf im Mittelmeer. Die Genuesen haben auch die Wachtürme hoch über der Küste hinterlassen. Wie zum Beispiel den von Elbo am Naturpark Réserve de Scandola. Zu seinen Füßen schnorcheln wir einen Tag später in der Ankerbucht Marine d’Elbo - mit Blick auf die roten Zacken von Scandola. Sicher einer der beliebtesten Plätze auf Korsika.
Am späten Nachmittag rauscht ein schnelles Motorboot herbei. Am Steuer Jean-Marie Dominici, einer der Hüter des Naturparks. Freundlich erklärt er, der Park werde neuerdings nachts gesperrt. Wir möchten doch bitteschön nach Girolata oder Focalara umziehen.
In Girolata ist erwartungsgemäß einiges los. Der kleine Ort gehört schließlich zu den wenigen relativ sicheren Ankerplätzen an der Westküste. Keine Straße führt hierher, der Briefträger kommt immer noch jeden Tag zu Fuß über einen kilometerlangen Trampelpfad, Baguettes und Croissants werden per Motorboot herbeigeschafft.

Einen kurzen Schlag um das Cap Senino herum liegt der kleine Hafen von Porto. Gut, dass wir keinen festen Kiel haben. 1,80 Meter Tiefe, wie in Karten vermerkt, sind hier kaum anzutreffen. Neben uns macht Antoine Fieschi seinen Kahn fest. "Antoine aus Porto" ist fast genauso berühmt wie der "Briefträger von Girolata". Er soll der begabteste Langustenfischer Korsikas sein. Zumindest interessieren sich regelmäßig die französischen Medien für den urigen Typ. Gekonnt posiert er für ein Erinnerungsfoto mit seiner Beute.
Die Bucht von Porto gehört zu den schönsten Gegenden Korsikas. Noch schroffer als anderswo stürzen die Felswände aus alpinen Höhen in die blauen Fluten des Mittelmeers. Monte Rotondo und Monte Cinto sind nicht weit. Dort oben liegt im Frühsommer oft noch Schnee, während am Flusstal des Porto schon unter sengender Sonne Eukalyptuswäldchen mit Maquis-Strauchwerk um die Wette duften.
Unser Aufenthalt ist nicht von Dauer, denn für den kommenden Tag wird starker Südwest angesagt. Der Hafenmeister rät zum Aufbruch. Selbst im Becken sei der Schwell oft zu stark, wir mögen doch bitte nach Cargèse oder Calvi umziehen, legt er uns nahe.
Wir entscheiden uns für die 40 Seemeilen nach Calvi. Draußen pfeift es schon mit 6 Beaufort aus Süd. Nur unter Fock reiten wir mit Höllentempo gen Norden. In Calvi bringen wir zur Sicherheit zwei Anker in V-Form aus. Es lohnt sich: Morgens um vier heult der Wind wie wahnsinnig. Dabei ist es unerträglich heiß in der Koje: 33 Grad kurz vor Morgendämmerung! Um uns herum das übliche Geschrei. Irgendeine Yacht ist in eine andere gerutscht, Taschenlampen blinken um die Wette. Am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, der Wind habe zeitweilig mit 110 km/h gepfiffen. Der Hafen ist überbelegt. "1000 Sportyachten suchen Zuflucht in der Bucht von Calvi!", titelt die Tageszeitung "Corse-Matin".
Erst zwei Tage später können wir die Bucht von Calvi wieder verlassen, um die einsamen Strände der Désert des Agriates zu erobern, die von Land aus nur schwer zu erreichen sind. In der Bucht von Malfalcu liegt außer uns nur eine einzige Yacht.
Wenig weiter nördlich, auf dem Weg zum Kap Corse, offenbart sich Korsika fast menschenleer. Es ist Ende August, doch nur eine Yacht kreuzt unseren Kurs, und wenige Dörfer zieren die Bergflanken.



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