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Wir haben Glück. Es ist eine Überfahrt
wie aus dem Bilderbuch. Die ganze Nacht
lang haben uns sanfte 3 Beaufort unter sternenklarem
Himmel durch die warme Sommerluft in südöstliche
Richtung getragen. Oft genug findet man
zwischen der Côte d’Azur und Korsika keinen
Wind. Oder aber viel zu viel, wenn der Mistral
zuschlägt. Kompromisse sind hier selten.
Am Horizont blinkt ein weißer Punkt: Das
berühmte Feuer La Revellata bei Calvi winkt
uns schon seit Stunden herbei und weist
den Weg zum "Gebirge im Meer". Und wirklich:
Als der Morgen graut, tauchen die ersten
wilden Zacken der Zweitausender auf.
Jetzt stehen wir kurz vor der Küste. Wie
versprochen hauchen uns die letzten Atemstöße
der nächtlichen Landbrise unvermittelt jenes
süßliche Parfüm entgegen, das Napoleon zur
Behauptung verleitete, er könne seine Geburtsinsel
Korsika allein am Duft erkennen. Dazu zerschneiden
die Flossen einer Delfingruppe in einiger
Distanz die Oberfläche des trägen Meeres.
Am Fuße der stolzen Zitadelle von Calvi
gönnen wir uns einen kräftigen Café und
Croissants. Die Einwohner sagen, der Genuese
Christoph Kolumbus sei hier geboren. Das
ist nicht unmöglich, schließlich diente
Calvi dem einst so mächtigen Genua lange
Zeit als strategischer Brückenkopf im Mittelmeer.
Die Genuesen haben auch die Wachtürme hoch
über der Küste hinterlassen. Wie zum Beispiel
den von Elbo am Naturpark Réserve de Scandola.
Zu seinen Füßen schnorcheln wir einen Tag
später in der Ankerbucht Marine d’Elbo -
mit Blick auf die roten Zacken von Scandola.
Sicher einer der beliebtesten Plätze auf
Korsika.
Am späten Nachmittag rauscht ein schnelles
Motorboot herbei. Am Steuer Jean-Marie Dominici,
einer der Hüter des Naturparks. Freundlich
erklärt er, der Park werde neuerdings nachts
gesperrt. Wir möchten doch bitteschön nach
Girolata oder Focalara umziehen.
In Girolata ist erwartungsgemäß einiges
los. Der kleine Ort gehört schließlich zu
den wenigen relativ sicheren Ankerplätzen
an der Westküste. Keine Straße führt hierher,
der Briefträger kommt immer noch jeden Tag
zu Fuß über einen kilometerlangen Trampelpfad,
Baguettes und Croissants werden per Motorboot
herbeigeschafft.
Einen kurzen Schlag um das Cap Senino herum
liegt der kleine Hafen von Porto. Gut, dass
wir keinen festen Kiel haben. 1,80 Meter
Tiefe, wie in Karten vermerkt, sind hier
kaum anzutreffen. Neben uns macht Antoine
Fieschi seinen Kahn fest. "Antoine aus Porto"
ist fast genauso berühmt wie der "Briefträger
von Girolata". Er soll der begabteste Langustenfischer
Korsikas sein. Zumindest interessieren sich
regelmäßig die französischen Medien für
den urigen Typ. Gekonnt posiert er für ein
Erinnerungsfoto mit seiner Beute.
Die Bucht von Porto gehört zu den schönsten
Gegenden Korsikas. Noch schroffer als anderswo
stürzen die Felswände aus alpinen Höhen
in die blauen Fluten des Mittelmeers. Monte
Rotondo und Monte Cinto sind nicht weit.
Dort oben liegt im Frühsommer oft noch Schnee,
während am Flusstal des Porto schon unter
sengender Sonne Eukalyptuswäldchen mit Maquis-Strauchwerk
um die Wette duften.
Unser Aufenthalt ist nicht von Dauer, denn
für den kommenden Tag wird starker Südwest
angesagt. Der Hafenmeister rät zum Aufbruch.
Selbst im Becken sei der Schwell oft zu
stark, wir mögen doch bitte nach Cargèse
oder Calvi umziehen, legt er uns nahe.
Wir entscheiden uns für die 40 Seemeilen
nach Calvi. Draußen pfeift es schon mit
6 Beaufort aus Süd. Nur unter Fock reiten
wir mit Höllentempo gen Norden. In Calvi
bringen wir zur Sicherheit zwei Anker in
V-Form aus. Es lohnt sich: Morgens um vier
heult der Wind wie wahnsinnig. Dabei ist
es unerträglich heiß in der Koje: 33 Grad
kurz vor Morgendämmerung! Um uns herum das
übliche Geschrei. Irgendeine Yacht ist in
eine andere gerutscht, Taschenlampen blinken
um die Wette. Am nächsten Tag lesen wir
in der Zeitung, der Wind habe zeitweilig
mit 110 km/h gepfiffen. Der Hafen ist überbelegt.
"1000 Sportyachten suchen Zuflucht in der
Bucht von Calvi!", titelt die Tageszeitung
"Corse-Matin".
Erst zwei Tage später können wir die Bucht
von Calvi wieder verlassen, um die einsamen
Strände der Désert des Agriates zu erobern,
die von Land aus nur schwer zu erreichen
sind. In der Bucht von Malfalcu liegt außer
uns nur eine einzige Yacht.
Wenig weiter nördlich, auf dem Weg zum Kap
Corse, offenbart sich Korsika fast menschenleer.
Es ist Ende August, doch nur eine Yacht
kreuzt unseren Kurs, und wenige Dörfer zieren
die Bergflanken.
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